Inklusion

Allgäu ART Hotel: Lebensart, Kunst und Inklusion

Als modernes »Stadthotel mit einer weiteren Zielgruppe« versteht sich das komplett barrierefreie Allgäu ART Hotel, das Anfang Dezember nach zwei Jahren Bauzeit in Kemptens Innenstadt an den Start gegangen ist. Das Konzept zielt auf Geschäftsreisende und Kurzurlauber ebenso ab wie auf Menschen mit Handicap und bietet einen außergewöhnlichen Mix aus Allgäuer Lebensart, Kunst und Inklusion.

Die erste Besonderheit fällt schon beim Betreten der Lobby auf: Reihen von leicht erhabenen Noppen und Rippen auf dem Boden führen vom Eingang zur Rezeption, zum Restaurant und zum Lift. Was auf dem ersten Blick wie ein geometrisches Muster anmutet, ist ein taktiles Leitsystem für sehbehinderte Menschen. Auch die Hinweistafeln im Hotel sind ein wenig anders als gewohnt, denn sie enthalten neben der üblichen Beschriftung und Skizzen Informationen in Brailleschrift. Details, die beim flüchtigen Betrachten ebenso wenig auffallen wie die extrabreiten Türen und Flure oder die zusätzlichen niedrigeren Kleiderstangen in der Garderobe, die für Rollstuhlfahrer bequem zu erreichen sind. Selbst die drei Saunen im Wellnessbereich sind mit einem geeigneten Rollstuhl befahrbar, die untere Sitzbank wurde entsprechend angepasst. Aber auch das fällt nur demjenigen auf, der diese Extras benötigt.
Das Allgäu ART Hotel wurde nicht nur barrierefrei, sondern wie Hoteldirektor Claus Quasten betont, »komplett rollstuhlgerecht« gebaut, eignet sich also ideal für Menschen mit Handicap. Das Raum- und Ausstattungskonzept soll aber ebenso Geschäftsreisende, Wellnessurlauber und Familien ansprechen. Eine gestalterische Gratwanderung für die r&s mayer Hotel und Objekt GmbH. Verbindet man rollstuhlgerecht landläufig mit einem funktionalen und eher uncharmanten Design, wird man hier eines Besseren belehrt. Die Optik ist in sich stimmig; und was für einen Rollstuhlfahrer schlichtweg notwendig ist, um sich im Raum frei zu bewegen, wirkt auf den Hotelgast ohne Handicap einfach nur großzügig. Drei Millionen Euro wurden in die Inneneinrichtung des Hotels investiert.

»Wir sind ein Stadthotel mit einer weiteren Zielgruppe«,

bringt es Hoteldirektor Claus Quasten auf den Punkt und betont außerdem, dass man durch das Produkt und die Serviceleistungen überzeugen werde. Als »Behindertenhotel« möchte man sich nicht vermarkten, auch wenn Inklusion ein wichtiger Teil des Konzeptes ist. So hat die Allgäuer Integrationsbetrieb Hotel GmbH das Hotel von der IBO Immobilien Service GmbH gepachtet. Träger der Allgäuer Integrationsbetriebe ist wiederum die Körperbehinderte Allgäu GmbH, die ihr Know-how und ihre Erfahrungen in das Projekt mit einbrachte. Ein Teil der Mitarbeiter sind Menschen mit Handicap und werden entsprechend ihren Fähigkeiten und ihrer Belastbarkeit – teils mit verkürzten Arbeitszeiten – eingesetzt. Direktor Claus Quasten kann hier auf Erfahrungen aus einem anderen Hotel zurückgreifen, das er parallel zum Allgäu ART Hotel führt. Auch eine blinde Masseurin gehört zum neuen Team, denn das Haus bietet seinen Gästen nicht nur einen ansprechend gestalteten Sauna- und Fitnessbereich mit Blick über Kempten, sondern auch eine Reihe von Treatments in zwei Anwendungsräumen.

Der Name des Hotelneulings, der ganz in der Nähe des Shopping Centers »Allgäu Forum« und der angrenzenden Einkaufsstraßen liegt, steht für die Allgäuer Lebensart, aber auch für die Kunst im Allgemeinen. Beides spiegelt sich im Einrichtungsstil wider. Die 56 barrierefreien Zimmer – davon sechs für Familien und zwölf weitere rollstuhlgerecht – sind nach den Themengebieten »Stadt Kempten«, »Allgäuer Berge« und »Allgäuer Seenlandschaft« gestaltet. Wandmalereien in den Fluren und unterschiedliche Farbkonzepte stimmen auf das jeweilige Thema ein – Zitate, Fotos, Skizzen und andere optische Extras in den Zimmern greifen es auf. »Hinter’m Berg sind au Leit« heißt es in einem Zimmer auf der Etage »Allgäuer Berge«. Ein anderes Betthaupt zieren die Umrisse der historischen Stadt Kempten. Im Vorhangstoff eines weiteren Zimmertyps kräuseln sich dekorativ die Wellen von Allgäuer Seen. Zur Ausstattung gehören unter anderem voneinander trennbare Boxspringbetten; in den Familienzimmern wurde eine kleine Schrankküche eingebaut. Ganz und gar nicht beliebig wurde auch das »Restaurant Waldbeere« gestaltet, in dem Frühstück, Lunch-Buffet, Kaffee und Kuchen sowie Speisen à-la-carte geboten werden. Grün- und Beerentöne geben dem Raum einen frischen Anstrich; ein Blickfang ist das über zwei Wände reichende Kunstobjekt von Jamila von Carnap.

Mit »extravaganten taufrischen Speisen« und »alt bewährten Allgäuer Klassikern, neu interpretiert«,
wie es einleitend auf der Speisekarte heißt, kann man die Region auch schmecken.

Das Konzept setzt sich im Tagungsbereich fort: Großformatige Fotos von Allgäuer Künstlern, sägeraues Holz und naturfarbene Textilien verleihen den drei miteinander kombinierbaren Räumen »Cambodunum«, »Alpsee« und »Grünten« (gesamt 130 qm) eine ganz spezielle Arbeitsatmosphäre. Eine große Außenterrasse und ein Pausenraum runden das Angebot ab. Trotz zentraler Innenstadtlage sollen die Gäste im Hotel die wohltuenden Kräfte der Natur spüren. In der Lobby sorgen Waldmotive, Teppiche im Baumstamm-Look und gerahmte Holzstapel für »grünes« Flair. Zum Interieur gehören Unikate wie die Sessel, die an große, ausgehöhlte Holzkugeln erinnern, und Leuchten, deren Lampenschirme an Astgabeln stecken. Originell sind auch die zusätzlichen Angebote – darunter ein ganz in Weiß gehaltener »Snoezelen«-Raum im Erdgeschoss, der zum Tiefenentspannen einlädt und stundenweise gemietet werden kann. Bequeme Liegen, leise blubbernde Wassersäulen und beruhigende Projektionen sind Teil des therapeutischen Ansatzes.

Auch eine beliebte Sportart wird im Hotel in Szene gesetzt:

das Indoor-Klettern. Mit Sichtfenster zum Restaurant bietet ein Raum mit Kletterwand und Equipment Möglichkeiten zur vertikalen Entfaltung. Und auch hier wird der Gedanke der Inklusion konsequent gelebt: Eine der Routen wurde speziell für Menschen mit Handicap geschraubt, um – in diesem Fall – auf sportliche Art Berührungsängste und Barrieren abzubauen.

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